01.06.2026
Die Hoffnung liegt auf der Intensivstation.
Schwestern schauen regelmäßig nach den Vitalwerten, überprüfen die Maschinen. Dieses Mal war es ganz schön knapp für die Hoffnung. Sie hat versucht, nicht hinzuhören beim Imbiss an der Ecke, wo man auf alles schimpft und prophezeit, dass politisch bald ein anderer Wind wehen wird. Sie hat versucht, nicht hinzuschauen, wenn die Umfragewerte im Fernsehen zeigen, wie viel Frust und Angst in ein Diagramm passen. Sie hat versucht, alles Schädliche abzuwehren, auch das Misstrauen und die Unterstellungen untereinander.
Dabei ist sie immer schwächer geworden, bis sie dem Ohnmachtsgefühl nichts mehr entgegenzusetzen hatte. ‚Akute Immunschwäche‘ steht nun auf ihrer Patientenakte. Leise piepen die Monitore im Zimmer. Durch einen dünnen Schlauch tropft es langsam, aber beständig in die Patientin. Es sind die Worte aus dem Neuen Testament:
„Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit“ (2. Timotheus 1,7)
Was so einfach klingt, ist immunologisch überlebenswichtig. Die erste Hilfemaßnahme ist diese Selbstvergewisserung. Tropfen für Tropfen.
Die Hoffnung atmet bereits spürbar ruhiger, als ihr klar wird, dass sie begründet ist. Kraft, Liebe und Besonnenheit sind ihr von alters her gegeben. Nicht für den Kampf gegeneinander, sondern für die eigene Stabilität. So kann sie mit Allem, was sie verunsichert, umgehen:
Unschädliches tolerieren, mit Hilfreichem kooperieren und sich vor dem Rest beschützen, der ihr schadet. Sie selbst wird dadurch nicht schwächer, sondern immer stärker. Denn Sicherheit entsteht durch den Umgang mit Risiken.
Behutsam erklären die Schwestern der Patientin, was außerdem zur Heilung beiträgt. Die Hoffnung soll aktiv werden.
Ausgewogene Ernährung: Neben den Imbissgesprächen auch die führen, die guttun; ggf. von Erfahrungen aus der Vorratskammer zehren. Tipp: „Liebe tut der Seele gut!“
Stressreduktion: Entspannungspausen mit Gott genießen, z.B. in der Stille oder mit Psalm 27.
Ausreichende Bewegung: Im Geist und in Gemeinschaft; Vermeiden von pauschalen Einteilungen in Gut und Böse.
Praktische Denkübung: „Was wäre, wenn wir selbst durch diese Zeit nicht allein gehen?“
Da lächelt die Hoffnung hoffnungsvoll auf der Intensivstation und Gott lächelt mit.
Amen.
Ihre Pfarrerin Franziska Junge