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Zwischen Ähren und Wahlkabinen

01.08.2026

Du gehst an einem Spätsommertag über einen Feldweg. Die Luft ist warm, die Ähren stehen schwer auf den Feldern, und der Wind streicht durch das Gold des Augusts. Bald wird geerntet. Was monatelang verborgen gewachsen ist, tritt nun ans Licht. Der Sommer kann nichts mehr verstecken. Nun zeigt sich, was Wurzeln geschlagen hat.
Du kennst solche Zeiten auch aus Deinem Leben. Zeiten, in denen Entscheidungen nicht länger aufgeschoben werden können. Zeiten, in denen sichtbar wird, was Dich trägt. Worauf Du vertraust. Wovon Du lebst.
August und September sind Monate der Ernte. Nicht nur auf den Feldern. Auch in unseren Herzen: Was ist aus dem geworden, was ich gesät habe? Wo ist Liebe gewachsen? Wo habe ich Bitterkeit gepflegt? Was trägt, wenn die Tage kürzer werden und die Leichtigkeit des Sommers vergeht?
Die Bibel erzählt von einem Gott, der geduldig mit seinem Acker ist. Er reißt nicht ungeduldig an den Halmen. Er gibt Zeit zum Wachsen. Er wartet auf Frucht. Und selbst dort, wo wir nur Misserfolge sehen, erkennt er Möglichkeiten für einen neuen Anfang.
In diesem September werden die Menschen in Sachsen-Anhalt einen neuen Landtag wählen. Die Wahl wird viele Gespräche auslösen, Hoffnungen und Sorgen, Zustimmung und Widerspruch. Manche blicken erwartungsvoll darauf, andere mit Unruhe. Die Versuchung ist groß, Menschen schnell einzuordnen und die Gräben tiefer werden zu lassen. Doch als Christinnen und Christen leben wir aus einer anderen Gewissheit. Niemand ist nur seine Meinung. Kein Mensch geht in einer Partei, einer Haltung oder einem Wahlzettel auf. Jeder Mensch trägt die Würde Gottes in sich. Jeder ist mehr als das, was andere von ihm denken.
Darum können wir streiten, ohne zu verachten. Wir können unterschiedliche Wege sehen, ohne einander die Menschlichkeit abzusprechen. Wir können Verantwortung übernehmen, ohne zu vergessen, dass das Reich Gottes nicht aus Wahlprogrammen entsteht, sondern dort, wo Menschen einander helfen.
Es ist die geistliche Aufgabe dieser Wochen: aufmerksam zu prüfen, verantwortlich zu entscheiden und zugleich zu wissen, dass unsere Hoffnung tiefer reicht, als jede politische Entwicklung.
Nicht Gleichgültigkeit ist gefragt, sondern Beteiligung. Nicht Angst, sondern Besonnenheit. Nicht Hass, sondern Liebe. Denn Liebe tut der Seele gut. Lasst uns das als große Gemeinschaft am 21. August auf dem Marktplatz in Quedlinburg zeigen, aber nicht nur da, sondern überall, wo Hass geschürt wird, wo mit den Ängsten der Menschen gespielt und Fakten verzerrt werden. Auch Wölfe im Schafspelz gehören zur Schöpfung Gottes, aber ihr Ort sollte der Fasching bleiben.
Ihr Pfarrer Dr. Tobias Gruber